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Lieber Gott, gebe mir jeden Tag die Kraft,
Herbst 1972. Meine Eltern und ich ziehen endlich nach Kronberg. Aus Kronberg kommt nämlich meine Mutter Gertrud. Ihre Mutter Lilli stammt aus der alten Apfelweingaststätte Zur Post und mein Opa Walter baute in seiner Fabrik Werkzeugmaschinen. Zum erstemal bin ich bei der Apfelernte dabei. Leider durfte ich noch nicht auf die Bäume klettern. 16. November 1973. Ab heute muss ich mein Zimmer teilen. Mein Bruder Alex ist auf der Welt. Aber ich habe ja einen guten Schlaf. Lass den mal nur brüllen. Winter 1976. Mein kleiner Bruder Alex und ich bekommen ein neues Zimmer. Und zwar in Merzhausen mitten im Hochtaunus. Wir sind schon wieder umgezogen. Meine Eltern haben ein neues Lokal aufgemacht, "Zur schönen Aussicht" hieß der Schuppen. Ist zwar ganz lustig hier, aber lange werden wir es hier sicher nicht aushalten. 19. März 1977. Jetzt wird's noch enger in unserer kleinen Wohnung im zweiten Stock. Unser Toni wird geboren. Herbst 1979. Wie schon befürchtet, ziehen wir wieder mal um. Diesmal aber nur in die drei Kilometer entfernte "Landsteiner Mühle". Meine Eltern haben das alte Haus gekauft, weil sie endlich ein Eigenes haben wollten und die Pacht so teuer war. 5. Januar 1980. Ein großer "Faux pas" passierte kurz vor Weihnachten, als die Druckerei aus Usingen die Einladungskarten für die Eröffnungsfeier, die am 15. Januar 1980 stattfinden sollte, ausliefert: Es fehlt die eins. Man hätte so schnell keine neuen Karten bekommen können, also entschloss man sich für die Eröffnungsfeier am 5. Januar. Kennen Sie Handwerker, die zwischen Neujahr und 5. Januar auf der Baustelle sind, ich nur wenige. Aber unsere Eltern haben es geschafft: In der Nacht zum 5. Januar war die neue Bestuhlung zwar noch nicht geliefert, aber es schneite unaufhörlich. Ein leichtes unwohles Gefühl machte sich bei allen Beteiligten breit. Am Morgen kamen nochmal die Fliesenleger um die Fugen in den Toiletten zu füllen. In der Küche fehlte noch so allerei und das kalte Büffet musste auch noch gemacht werden. Endlich, der LKW mit den Tischen, Bänken und Stühlen kam um die Ecke. Jetzt aber schnell. Bis zur letzten Minute wurde zusammen gesteckt, geschraubt, gehämmert, eingedeckt und gekocht. Was für eine Eröffnung! 15. Februar 1981. Mein Freund Götz feiert Geburtstag. Tolle Spiele wurden da gemacht, eins davon hieß irgendwas mit Pyramide. Es wurden viele kleine Gläschen mit Apfelsaft (dachte ich) aufeinander geschlichtet. Wer beim würfeln verloren hatte, musste eins davon austrinken. Aber einige schmeckten nicht nach Saft, sondern irgendwie sauer und garnicht süß. Außerdem wurde einem mächtig komisch davon. Was das wohl war. 7. August 1981. Mein 11. Geburtstag fällt regelrecht ins Wasser. Tagelanger Regen verwandelt das kleine Rinnsal namens Weil in einen reißenden Strom. Das ganze Weiltal ist zu einem großen See angeschwollen. Das wird wohl nix mit dem Kindergeburtstag. Stattdessen schaufeln wir Sandsäcke voll und hoffen, das der Keller nicht vollläuft. Meine Mutter wunderte sich immer, warum die alte Mühle nur einen kleinen Keller hat. Aber nachdem er nun dann doch volllief, wußte sie, warum. Sommer 1990. Endlich, die Schule ist fertig. Abitur geschafft. Alle Fragen mich, was ich denn studieren würde. Meine Antwort "Ich werde Kellner". Gerümpfte Nasen und abschätzige "Ach so's" waren die Reaktionen. Ich weiß was ich tue. Ich will's von Anfang an wissen. Restaurant "Die Scheuer" Hofheim, Maritimhotel Bad Homburg, Schlosshotel Kronberg und Deidesheimer Hof sind die Betriebe für die ich gerne gearbeitet habe. Herbst 1994. Es ist unangenehm kühl und feucht im Keller des Weinguts Dr. Baumann in Affaltrach. Weinmachen ist doch schwerer als ich zunächst dachte. Ich mache gerade ein Volontariat im Weinberg und Keller. Spannend, wie sich die Weine im Fass entwickeln. Aber Winzer will ich nun doch nicht werden. Der erste Apfelweinabend mit Jörg Stier ist ein voller Erfolg. Ich entscheide mich dazu neben den tollen Traubenweinen mal eine Apfelweinkarte für die Mühle zu kreieren. 13. Juli 1996. Die Hochzeitsglocken läuten. Katja und ich heiraten. Was für eine Traumhochzeit. Doch bald steht wieder eine Wochenendbeziehung vor uns ich gehe wieder zur Schule: Diesmal zur Hotelfachschule nach Heidelberg. August 1998. Zwei Jahre Hotelfachschule liegen nun hinter mir. Jetzt will ich zurück zur Mühle. Ich krempel jetzt den Laden mal so richtig um. 26. April 1999. Unsere Charlotte kommt zur Welt. Ein bewegender Moment! Mit Apfelschaumwein wird selbstverständlich angestoßen. Danach entschwindet mein Bruder Toni nach USA. Jetzt hat sie einen Onkel in Amerika. Sommer 2000. Mein Bruder Alexander stößt nun auch zu uns und übernimmt die Küche. Jetzt kann ich endlich meinen großen Traum verwirklichen: Ich werde Sommelier und gehe schon wieder zur Schule: Zur Deutschen Wein- und Sommelierschule nach Koblenz. 1. Januar 2002. Alexander und ich übernehmen den Laden. Edel soll er werden. Neue Hessische Küche, viel Stoff, Besteck und Glas muss auf die Tische. Frühjahr 2002. Im verschlafenen Annelsbach im Odenwald findet wie jedes Jahr der Apfelweintag statt. Mein Kollege Jürgen Krenzer überredet mich, dort mal hin zu fahren. Was für ein Haufen! Große Kelterer lamentieren, kleine Kelterer schimpfen auf die Großen und irgendwie ist das alles sehr merkwürdig. Podiumsdiskussion: Endlich an der Reihe, sage ich, wie toll es doch wäre, wenn man Apfelwein mal aus schicken Flaschen in edle Gläser füllen würde, damit er in feinen Restaurants auch seinen Platz findet. Die Reaktionen kann sich jeder bildhaft vorstellen. Heilige Kühe schlachten ist jedenfalls harmloser. Ich bin froh, dass ich das überlebt habe. Einen Tag später. Ein freundlicher Herr der DPA ruft mich an und bittet um ein Telefon-Interview. Er hätte mich gestern in Annelsbach gehört und war angetan von meinen kritischen Äußerungen. Ich stehe Rede und Antwort. Einen Monat später. Mehrere große Zeitungen in Frankfurt berichten über Deutschlands Ersten Apfelwein-Sommelier. Uff. Genial. Das ist es. 21. Mai 2002. Johanna wird geboren. Großartig. Charlotte muss nun teilen.. Februar 2005. Ich fahre in die Rhön. Ein Treffen von Apfelweinwirten wurde einberaumt. Warum fahre ich eigentlich dorthin. Mal sehen. Zurück fahre ich als Gründungsmitglied der "Hessischen Wirtshauskelterer" Jetzt hat mich das Apfelwein-Fieber wohl entgültig erwischt. Herbst 2005. Vom Apfelwein-Virus war ich schon infiziert. Doch die Inkubationszeit hat wohl recht lange gedauert. Jetzt hat mich das Fieber gepackt und ich keltere selbst. Ja, unseren eigenen Schoppen. Herbst 2006. Mein Bruder Alexander verlässt uns. Ist wohl kein Apfelweintrinker. Jetzt kann ich wiedermal alles umkrempeln. Ich verwirkliche meine Vision: ApfelWeinBistrorant ist das Motto. Was ein Glück: Das Team und die Familie machen mit. Mai 2007. Ich folge einer Einladung nach Asturien zum 1. Internationalen Apfelwein-Salon "Sicer" in Gijon. Diesmal lerne ich sie alle kennen: die Sidraristas, Cidriers, Cider Makers, Moster aus Württemberg, Österreich und der Schweiz und noch viele andere Exoten. Jetzt wird die Sache rund. Apfelwein + Wein + Sommelier = ApfelWeinSommelier. Die Apfelweinkarte wird nun noch umfangreicher. Dezember 2007. Mit Andreas Schneider fliege ich nach Québec zur winterlichen Ice Cider Ernte. Auf die verrückte Idee brachte uns Stuart Pigott, der uns dort treffen wollte, allerdings vorher im Schneesturm stecken blieb. Bei dieser unglaublichen Reise kurz vor Weihnachten wurde eine Idee geboren: Wir machen Verkostungen à la "Apfelwein weltweit" Unser erstes Opfer: Frankfurt am Main. 15. März 2009, 11:15 Uhr. Ich stehe auf dem Podium mitten im berühmten Kaisersaal des Römers in Frankfurt am Main und ich sage voller demut zu über 250 Apfelwein-Enthusiasten, wie toll es doch ist, wenn man Apfelwein aus schicken Flaschen in edle Gläser füllt und er somit seinen Platz in feinen Restaurants gefunden hat. Frau Oberbürgermeisterin Dr. hc Petra Roth, Andreas Schneider und ich eröffnen Frankfurts Erste Jahrgangsverkostung "Apfelwein im Römer" im Kaisersaal. Welch eine Ehre, was für ein großer Tag. April 2009. Mein erster Apfelwein, der komplett in Flaschen gefüllt wird: Boskoop mit Mispeln 2008. Wieder einen Schritt weiter! 5. Juli 2009, 12.00 Uhr. Herzklopfen. Lampenfieber. Das erste Mal spiele ich mit der Musikpalast Big Band beim Landsteiner Jazzfestival. Nach einigen Jahren Pause gibt es das Festival anläßlich 10 Jahre Jazzen & Essen wieder. Juni 2010. Der Innenraum der unserer Kirchenruine am Landstein wird eingeebnet. Toll hier zieht jetzt das Landsteiner Jazzfestival ein. März 2011. Bereits zum 3. Mal veranstalten wir "Apfelwein im Römer" mit tollen Gästen. Es kommen Kelterer aus Finnland und Japan. Verrückt. Leider steht die Veranstaltung im Schatten der Atomkatastrophe von Fukoshima. 1. Januar 2012. Gleich zwei Jubiläen: Ich bin 10 Jahre Wirt und das ApfelWeinBistrorant wird 5 Jahre alt. Fortsetzung folgt.
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